Zum Wandel des Modells als Entwurfsmedium im digital turn

September 17, 2017

Wintersemester 17/18

Im Zentrum des Seminars steht die Frage, welche Rolle Modelle im architektonischen Entwerfen spielen, und insbesondere, wie sich ihre Rolle mit dem digital turn verändert. Aus dem weiten Begriff des Modells werden also die architektonischen Entwurfsmodelle und die mit ihnen verbundenen Entwurfskulturen herausgegriffen und thematisiert.

Entwurfsmodelle in der Architektur sind dadurch charakterisiert, dass sie nicht primär darauf abzielen, etwas schon Vorhandenes in einem weiten Sinne nach- oder abbildend zu repräsentieren, um gegebene Phänomene zu erklären und prognostizierbar zu machen, wie z.B. beim Modellgebrauch in den Natur- oder Sozialwissenschaften, sondern darum, einen antizipierten Zustand so zu modellieren, dass er gestalterisch bearbeitet und realisiert werden kann. Beim Entwurfsmodell läuft die Bezugsrichtung zwischen Modell und Modelliertem in umgekehrter Richtung: es bildet das zu Entwerfende nicht ab, sondern stellt es her.

In einem einführenden workshop in der ersten Sitzung wird jeder Teilnehmer ein Modell aus einem seiner Entwürfe vorstellen, so dass wir uns einen ersten Überblick über das Spektrum der Funktionen von Entwurfsmodellen, und das, was sie greifbar machen sollen, machen können.

Im Anschluss fokussiert das Seminar historisch auf den Wandel des Modell-Begriffs in der neueren Architektur und Architekturtheorie. Mit dem digital turn erlebt das Model und das Modellieren eine enorme Aufwertung und löst vielerorts bereits die Zeichnung als dominierendes Planungsmedium ab. Hier ist ein Übergang von materiellen Modellen, die maßstäblich bestimmt und thematisch fokussiert sind, hin zum Gebrauch von virtuellen Gebäudedatenmodellen zu verzeichnen, die darstellerisch flexibel sind und zunehmend Prozesse und Relationen modellieren. Das Seminar zielt darauf, diesen Wandel und seine Bedeutung für das architektonische Entwerfen genauer zu verstehen. Dazu beschäftigen wir uns mit seiner Vorgeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und nähern uns im Verlauf immer weiter der aktuellen Diskussion an.

Postersession IfA-Jahresausstellung, TU-Berlin

Juli 21, 2017

Für die PhD-Postersession des Instituts für Architektur (IfA) habe ich nochmal den aktuellen Stand der Schwerpunkte meines Projekts zusammen gefasst:

Als Methode und Denkmodell, nicht als diese oder jene konkrete software, betrifft Building Information Modelling (BIM) potentiell alle Aspekte des Architektur-Machens. Der Fokus, den das Dissertationsprojekt in diesem Panorama der sich historisch differenzierenden Digitalisierung der Architektur setzt, ist der Gebrauchs von BIM als Entwurfsmedium: Wie wirkt sich BIM auf den architektonischen Entwurfsprozess aus und auf welchen Architekturkonzepten basiert BIM?

Den ersten Schwerpunkt des Projekts bilden die technischen, diskursiven, ästhetischen, administrativen – in einem Wort: die ‚multiplen Vorgeschichten von BIM‘ (Poole und Shvartzberg). Das epistemische Objekt, das die historische Entwicklungsdynamik von BIM bestimmt, wird dabei im objekt-orientierten parametrischen Modellieren ausgemacht, und zwar vor dem Hintergrund der regulativen Idee eines einzigen, voll-assoziativen Modells. Dieses master model, mit dem alle für das Entwerfen (und das Architektur-Machen insgesamt) notwendigen Aspekte modelliert werden können sollen, besteht aus einem Informationsmodell – einer Datenbank – und einer Multitude koordinierter Schnittstellen (interfaces) für jeweils spezifische Zwecke.

Den zweiten Schwerpunkt bildet die Transformation des Modell-Begriffs im BIM-Diskurs. Der Fokus liegt darauf, wie im Paradigma der Informationsmodellierung Datenbanken als Entwurfsmodelle genutzt werden. Hierbei ist die Verknüpfung semantischer und geometrischer Informationen (‚räumliche Informationsmodelle‘) in berechenbarer Form entscheidend, die es erlaubt, verschiedene generative und analytische Funktionen zu automatisieren und Architekturprojekte in silico zu simulieren sowie das BIM-Modell direkt für die Realisierung zu nutzen (design-to-build).

Den dritten Schwerpunkt schließlich bildet die Rolle des Interface in der Benutzung von BIM-Modellen als Entwurfsmedien, denn eine BIM-Datenbank kann nicht an sich selbst, sondern nur durch geeignete Darstellungsweisen zu einem epistemisch produktiven Entwurfsmedium werden. In diesem Zusammenhang wird eine Trope des Architekturdiskurses in einer neuen Lesart wieder aufgenommen: das Diagramm. Statt aber an die post-strukturalistischen Diskurse anzuknüpfen, in denen das Diagramm vor allem als abstrakte Maschine (Deleuze) mit emanzipatorischem Potential theoretisiert wurde, fokussiert das Projekt auf die Konzeption des Diagramms als Zeichen, kraft dessen neues Wissen erlangt wird. Zentral für diese Eigenschaft des Diagramms ist seine operationale Ähnlichkeit mit dem, worauf es sich bezieht. Kraft dieser Ähnlichkeit kann man mit dem Diagramm anstelle dessen, worauf es sich bezieht, experimentieren – und das macht die epistemische Signatur des BIM-Ansatzes aus.

Diagramme als Entwurfswerkzeug

April 15, 2017

Seminar an der Uni Kassel, FG Architekturtheorie und Entwerfen

Das Seminar verfolgt die Geschichte des Diagramms als Mittel des Entwerfens in der neueren Architekturtheorie. Die These des Seminars lautet, dass der architekturtheoretische Diskurs um das Diagramm bzw. das diagrammatische Entwerfen in den 1960er bis 1990er Jahren, der vom Duktus der Postmoderne, des Dekonstruktivismus und des Poststrukturalismus geprägt war, nach dem digital turn einer Aktualisierung bedarf. Mit den neuen technischen Möglichkeiten der digitalen Entwurfsmedien bekommen die theoretischen Aspekte der Debatte über das Diagramm als „virtual tool“ (R.E. Somol) einen neuen, praktischen Sinn. Das Seminar beginnt mit der Lektüre von ‚klassischen Texten’ zum Diagramm als Entwurfsmedium wie etwa von Christopher Alexander, Peter Eisenman und Colin Rowe, um sich dann aktuelleren Texten zuzuwenden, die den Diagramm-Gebrauch in aktuellen Entwurfskulturen thematisieren, etwa bei Koolhaas/OMA und UN Studio. Auf Basis des historischen Rückblicks und der Reflexion der Rolle von Diagrammen in der aktuellen Architekturproduktion zielt das Seminar auf die Erarbeitung von theoretischen Grundlagen für das Verständnis der Rolle von diagrammatischen Verfahren in aktuellen digitalen Entwurfspraktiken.

How to write a history of BIM from an epistemological point of view?

Februar 9, 2017

From the presentation sheets

I’ve presented my research of the historical development of BIM at the 2nd colloquium on the history and political critique of architecture at the Politecnico Milano. It was a great get together again, my talk on the other hand went not quite that well^^. There really seems to be a hiatus between architectural theory and the technical background of formal logic descriptions, and the digital machines they are implemented on. It really is strange that in spite of the omnipresence of the computer in architectural design, it still is predominantly used accepting it’s status as a black box. With BIM as my objective of research, the next thing to settle is the way i handle the technical parts about logical formalism.

On the formalization of architectural composition in Building Information Modeling (BIM)

Dezember 5, 2016

Abstract (t.b.c.!) for The Grammar of Things, 20th conference of the Society for Philosophy and Technology, June 14-17, 2017, TU-Darmstadt, Germany
image: sia

image: sia

BIM is the attempt to unify the design, construction, and maintenance of buildings by way of an integrated digital BIM-model representing both formal and semantical properties of the building. One key idea in the implementation of this goal – of which today exist quite a few competing approaches – is the concept of transformational grammars. Under this concept, architecture is modeled as consisting of atomic elements or types which can be composed under explicit transformation rules either in a forward or backward chaining manner, i.e. either generatively or analytically. William J. Mitchell has modeled this approach in the 1990ies under the paradigm of Computer Aided Design (CAD) in the framework of first-order predicate logic (PL1) as the intersection of three domains: a “critical language” for value judgements over architecture, a “design world” for the formal description and modification of architectural designs, and a “construction world” within which architectural designs are being built.1

The idea of a grammar of architecture, in this setup, comes into play as a knowledge-based specification of the range of the PL1-based combinatorial possibilities that are inherent in the initial definitions of elements and transformation rules, both in terms of the design world and the critical language. Even though Mitchell’s work draws profoundly on linguistic concepts of grammar, the predominant aspect in his approach to design is the geometrical model, onto which semantic properties are mapped in a second step. With the development from CAD as a drawing tool towards BIM as a knowledge-based expert system for design, however, the other direction of mapping formal properties onto truth-functional semantics attracts more attention, as for example in the definition of the structure of the data exchange format Industry Foundation Classes (IFC), where geometric forms are mapped onto semantic structures. What this paper aims at is a review of the epistemological role of formal grammar in BIM based on the Mitchell’s computational model of design as the interplay between design world, critical language and construction world.

— update —

I cannceled my contribution due to the demand of a conference fee also for participants, which i wasn’t able — and willing — to pay.

  1. See William Mitchell, The Logic of Architecture: Design, Computation, and Cognition (Cambridge Mass.: MIT Press, 1990). []

From CAD to BIM: Erkenntnistheorie digitaler Entwurfswerkzeuge I

September 17, 2016

Wintersemester 16/17, TU-Berlin, FG Architekturtheorie

Jean-Nicolas-Luis Dirand: Ensembles de edifices, Précis de leçons d'architecture, Bd. 2, Tafel 20

Jean-Nicolas-Luis Dirand: Ensembles de edifices, Précis de leçons d’architecture, Bd. 2, Tafel 20

Prinzip der Trennung von Geometrie und Semantik im IFC-Datenmodell, aus: Borrmann, André, Markus König, Christian Koch, und Jakob Beetz. Building Information Modeling. Technologische Grundlagen und industrielle Praxis. VDI-Buch. Wiesbaden: Springer Vieweg, 2015., Seite 101.

Prinzip der Trennung von Geometrie und Semantik im IFC-Datenmodell, aus: Borrmann, André, Markus König, Christian Koch, und Jakob Beetz. Building Information Modeling. Technologische Grundlagen und industrielle Praxis. VDI-Buch. Wiesbaden: Springer Vieweg, 2015., Seite 101.

Die Entwicklung von BIM zum epistemischen Medium

Entwurfswerkzeuge sind immer auch Erkenntnismedien: Die Mittel des Entwerfens bestimmen mit, was entworfen wird, denn sie bestimmen mit, was was überhaupt in den Horizont des Entwerfens geraten kann. In diesem Seminar geht es darum, erkenntnistheoretische Ansätze des Entwerfens mit der Untersuchung der Entwicklung digitaler Entwurfswerkzeuge zu verbinden. Im Fokus steht dabei die geschichtliche Entwicklung digitaler Entwurfswerkzeuge und ihre erkenntnistheoretische Reflexion. Wir lesen und diskutieren einschlägige erkenntnistheoretische Texte zum Thema und verfolgen die Entwicklung von Designsoftware von der digitalen Mimesis des Zeichnens in den Anfängen von CAD bis zur Arbeit mit digitalen Systemmodellen in der aktuellen Entwicklungsstufe von BIM.

BIM und die Formalisierung des Entwerfens: Erkenntnistheorie digitaler Entwurfswerkzeuge II

September 11, 2016

Wintersemester 16/17, Seminar Architekturtheorie an der Universität Kassel, FB06, Lehrstuhl Architekturtheorie und Entwerfen

Voroball (sketch for the Meteorite) by Luis Berríos-Negrón and Stephen Form (2009), turned by 90° CW. Parametric model using program for Voronoi surface optimization created by   Barbara Cutler during the Sinthome Workshop directed by Mark Goulthorpe at MIT, 2005.

Voroball (sketch for the Meteorite) by Luis Berríos-Negrón and Stephen Form (2009), turned by 90° CW.
Parametric model using program for Voronoi surface optimization created by Barbara Cutler during the Sinthome Workshop directed by Mark Goulthorpe at MIT, 2005.

Die BIM-Methode und ihre historischen Anfangspunkte. Objektivierung des Entwerfens durch Standardisierung

Ausgangspunkt des Seminars ist die um sich greifende Verbreitung von BIM (Building Information Modelling, dt. Gebäudedatenmodellierung) in der aktuellen Architekturproduktion. Im Seminar geht es um die historische Kontextualisierung und Rückbindung der sich vielerorts durchsetzenden BIM-Methode. Der Fokus liegt darauf, die Idee, Teile des Entwursfprozesses oder und/oder der Entwurfsobjekte zu standardisieren, in ihrer historischen Entwicklung zu verfolgen. Parallel zu dieser historischen Perspektive, in der es etwa um Durand’s Ansatz zur Objektivierung des Entwerfens als Entwurfsmethode oder Neufert’s Konzept des Schnellentwerfens geht, schauen wir uns ‚Meilensteine‘ der Entwicklung von BIM-Anwendungen und ihren Vorläufern an, wie etwa die AMG Architecture Machine Group und die Entstehung des IFC Industry Foundation Classes Datenstandards. Ziel ist es, BIM-Verfahren und -Methoden architekturtheoretisch in den Fokus zu bringen, denn die architekturtheoretische Reflexion des Einflusses von BIM auf die Entwurfspraktiken und -kulturen der aktuellen Architekturproduktion ist Voraussetzung dafür, dass wir diese Verfahren angemessen anwenden können.

Towards an epistemology of BIM / Building Information Modeling

Februar 6, 2016

Thesis presentation for the 1st Phd-Colloquium of Prof. Jörg Gleiter’s and Prof. Marco Biraghi’s Berlin-Milano based architectural research group History and Political Critique of Architecture.

foto flyer

The focus of the thesis lies on the epistemological description of BIM-based design processes. I am interested in how the proliferation of BIM-technologies changes architecture on the conceptual and formal level. In order to investigate the subject, I have broken down the thesis into 3 compartments: (1) the historical formation of BIM-technology, (2) BIM as a from of knowledge and it’s cultural embeddedness, and (3) BIM as simulational knowledge based on diagrammatic symbolic representation. […]

Dissertationsprojekt: Grundlinien einer Epistemologie der Gebäudedatenmodellierung (BIM)

Dezember 18, 2015

Heute melde ich meine Dissertation an. Alles, was damit zu tun hat und blogfähig ist, sammle ich hier unter der Kategorie ‚Diss. BIM‘. Der Fokus des Projekts liegt auf der erkenntnistheoretischen Beschreibung von BIM-basierten Entwurfsprozessen: Wie beeinflusst BIM Architektur auf formaler und konzeptueller Ebene? Welchen Einfluss hat BIM auf die Wissensformen und -kulturen der Architektur? Macht es Sinn, das Aufkommen von BIM als historische Zäsur mit Alberti’s Standardisierung der architektonischen Zeichenverfahren zu vergleichen? Welche Rolle hat BIM auf die Role und das Selbstverständnis des Architekten? Für die Bearbeitung von Fragen dieser Art habe ich mir drei Pakete vorgenommen:

Paket 1: Erarbeitung einer allgemeinen Schematisierung der Programm-Architektur von BIM-Software

Paket 2: Kulturphilosophische Untersuchung der Computermodell-basierten Simulation als Wissensform und symbolische Form digitaler Entwurfskulturen

Paket 3: Semiotische Reformulierung des Modell-Begriffs von Mahr (im Sinne Peirce’s der Erkenntnistheorie als Semiotik) und Untersuchung des Einflusses von BIM-basierten Entwurfsverfahren auf den Objektbezug des Entwerfens