Anmerkungen zum Verhältnis von Erkenntnistheorie und Architektur

Mai 15, 2015

Ausschnitt aus dem Symposionsflyer. Design von Studio Mut.

Ausschnitt aus dem Symposionsflyer. Design von Studio Mut.

ArchitekturDenken: Theorie und Philosophie der Architektur

Vortrag an der TU-Berlin, Institut für Architektur, organisiert vom Fachgebiet Architekturtheorie

Architektonische Erkenntnis unterscheidet sich vom Ideal der Erkenntnis in den empirischen Wissenschaften dadurch, dass sie sich nicht auf etwas von der Erkenntnis kategorial verschieden Gedachtes richtet, sondern immer auf etwas, das auf sein Erkennen hin angelegt ist. Dieses Verhältnis zwischen der Architektur und ihren Adressaten könnte man vielleicht als so etwas wie eine epistemischen Komplizenschaft bezeichnen. Architektur und die in ihr verwendeten operativen epistemischen Dispositive sind der architektonischen Erkenntnis zugewendet und auf sie bezogen. In die ideale Erkenntnissituation der Architektur ist immer die Beziehung zum Erkennenden eingeschrieben – anders als im idealtypischen Bild der empirischen Wissenschaften, die darauf abzielen, den Beobachter aus der konkreten Erkenntnissituation heraus zu kürzen.

Die kategoriale Dichotomie zwischen Subjekt und Objekt, die die Wissenschaft anstrebt und zu kultivieren trachtet, steht also quer zum Gemacht-Sein der Architektur. Die epistemische Figur des Gegebenen, das korrekt abgebildet/repräsentiert werden müsse, führt in der architektonischen Erkenntnis ins Leere, denn ohne die architektonische Tat gibt es nichts, was Objekt der architektonischen Erkenntnis sein könnte; diese zielt gerade auf die Gestaltung der Relation von Subjekt und Objekt als dem zentralen Moment ihrer praktischen und theoretischen Bemühungen. Diesen grundsätzlichen Unterschied in der epistemischen Ausrichtung der Architektur gilt es in einer architekturphilosophischen Erkenntnistheorie herauszuarbeiten und operativ zu machen. Dabei führt das unhintergehbare Faktum der Erkenntis-Tat, auf das wir in der erkenntnistheoretischen Perspektive auf die Architektur stoßen, zu Fragen, die über die Architektur hinausgehen. Hier kann die architekturphilosophische Erkenntnistheorie ihren Beitrag zu Fragen der Erkenntnistheorie im Ganzen leisten: Ein Hinweis auf das Interesse an dieser Perspektive auf die Erkenntnisfrage zeigt sich im häufigen wie selbstverständlichen Rückgriff auf architektonische Metaphern in erkenntnistheoretischen Konzeptionen. Die Aufgabe, die sich hier für eine architekturphilosophische Erkenntnistheorie ergibt, ist es, der Figur des Gegebenen eine eigene epistemische Figur entgegenzustellen.

Mein Beitrag zum Symposion ist auch als Aufsatz erschienen:

“Überlegungen zu Architekturphilosophie und Erkenntnistheorie.” In Architektur und Philosophie, edited by Jörg Gleiter and Ludger Schwarte, 8:93–102. ArchitekturDenken. Bielefeld: Transcript, 2015.

Ein Link zur Veröffentlichung findet sich hier: http://www.degruyter.com/viewbooktoc/product/430159

 

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