arch+ Out of Balance: GRID

April 24, 2013

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Auch ich hab beim Wettbewerb von arch+ mitgemacht, zusammen mit Patrick und Jens von syntop. Gewonnen haben wir nicht^^, aber das soll mich nicht hindern, hier nochmal den Essay zu veröffentlichen, den wir für den Wettbewerb geschrieben haben.

Für unseren Beitrag haben wir versucht, die Rolle des Informationsdesign heute — im zweiten digitalen Zeitalter — zu bestimmen, also das, wonach der Wettbewerb fragt, theoretisch und historisch einzuordnen.

Der Essay ist hier in der arch+ veröffentlicht: http://www.archplus.net/home/archiv/artikel/46,4110,1,0.html

 

Datenvisualisierung | Sichtbar-Machen

Erkenntnis | Sachbild

Der Zusammenhang von Erkenntnis und Darstellung ist ein uralter philosophischer topos, und es ist wohl nicht übertrieben, ihn als einen zentralen Aspekt für das Entstehens der Philosophie überhaupt zu bezeichnen. Immer hatte die Erkenntnisfrage damit zu tun, wie wir die Welt epistemisch zurichten und sie kraft symbolischer Konventionen und materialer Techniken – Cassirer würde sagen: kraft symbolischer Formen – sichtbar machen1. Eine solche im Kern konstruktivistische Erkenntniskonzeption geht davon aus, dass so etwas wie kulturelle Konventionen, technische Dispositive oder diskursethische Regularien keine bloßen Hilfsmittel zur Darstellung von im Prinzip auch unabhängig von ihnen gegebenen Größen sind, sondern aktiv daran beteiligt sind, zu bestimmen, was überhaupt zum Objekt der Erkenntnis werden kann. Die Medien unserer Erkenntnis sind kein neutrales Analyseinstrument, sondern kreative Erkenntniswerkzeuge, mit denen wir gemeinschaftlich bestimmen, was für unseren je spezifischen Erkenntnisprozess überhaupt als Empirie in Betracht kommt. Hinzu kommt, dass wir es in der globalen Informationsgesellschaft nicht mehr mit einer idealen Erkenntnissituation zu tun haben, auf die hin die gesamte Gesellschaft orientiert wird, sondern verschiedene Erkenntnissubjekte konstituieren sich sozusagen erst durch und in ihren konkreten historischen Erkenntnispraktiken und Weisen der Verobjektivierung.

Diese geschichtliche und plurale Konzeption von Erkenntnis, die Historizität und die Perspektivität von Erkenntnisprozessen, spielten in der Erkenntnistheorie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch nicht die zentrale Rolle. Besonders der logische Positivismus um den Wiener Kreis, zu dessen Hauptvertretern Otto Neurath gehörte, glaubten daran, eine Möglichkeit gefunden zu haben, diese Relativität zu überwinden. Der Wiener Kreis vertrat die sogenannte wissenschaftliche Weltanschauung und strebte nach einer Einheitswissenschaft. Einer seiner Hauptprogrammpunkte war es, eine wissenschaftliche Universalsprache nach dem Vorbild mathematischer und geometrischer Methoden in der Physik zu konstruieren2, mit der sich alles, was überhaupt Objekt der Wissenschaft sein kann, eindeutig darstellen läßt. Der paradigmatische Akteur dieser Einheitswissenschaft war der wissenschaftliche Beobachter, der mit Hilfe sogenannter Beobachtungs- oder Protokollsätze3 empirische Phänomene analytisch beschreiben und zur Verifikation4 von Theorien heranziehen sollte.

Das Streben nach einer Universalsprache der Wissenschaft scheint auch in Neuraths Arbeiten zur Bildstatistik durch; auch er strebte hier eine universelles Zeichensystem nach dem Vorbild der Mathematik für „Gebrauchsgraphik[en]“5 an, denen die „Quantität […] wesentlich“6 ist: „Sachbilder […] alle zusammen sind ein System der Aufklärung. Hier kommt internationale Normung in Frage.“7 Bei Sachbildern muß man „jedes Bild als Glied einer Reihe betrachten. Eines muß mit dem anderen verbunden werden können. […] Grundlage einer Bildstatistik ist ein System ein für allemal geltender Zeichen.“8

Einer der Hauptgründe für das Scheitern des Programms des logischen Positivismus war das Problem, die epistemische Logik des symbolischen Bezugs zwischen Zeichen und Empirie befriedigend zu konventionalisieren. 1953 hat ein Schüler von Rudolf Carnap, Willard v. O. Quine, in seinem berühmten Aufsatz Two Dogmas of Empiricism gezeigt, dass sich analytische Sätze nur graduell – und nicht kategorisch – von synthetischen Sätzen unterscheiden lassen. Damit traf er auch das bildstatistische Verfahren von Neurath ins Herz: Wenn sich die Analyzität von Beobachtungssätzen nicht definieren läßt, dann läßt sich auch nicht konkret angeben, was es bedeutet, mit einem Sachbild zu „zeigen, wie die Welt wirklich ist.“9

Sachbilder im Sinne von Neurath sind genau wie Beobachtungssätze immer an konkrete historische Beobachtungssituationen gebunden: Sie zeigen etwas in einer bestimmten Perspektive, unter einem bestimmten Interesse. In ihnen drückt sich ein Interesse an der Quantifizierung an einem bestimmten Aspekts der Welt aus. Aus dieser Beziehung lassen sie sich niemals vollständig herauslösen.

Datenproduktion | Kapitalismus

Daten sind also nicht gegeben, sondern gemacht, sie entstehen immer in einer epistemischen Perspektive, in die bestimmte Interesselagen involviert sind. Diese Problem der Perspektivität der Daten, die Neurath und der Wiener Kreis durch in Protokollsätzen oder Sachbildern ausgedrückten objektiven Beobachtungen auszuschalten können glaubte, trifft die globalen Wissensgesellschaften des beginnenden 21. Jahrhunderts mit Wucht: Die Anzahl der im digitalen Habitat verfügbaren Daten — big data — steigt zwar kontinuierlich, schafft dadurch aber das Problem der Daten-Auswahl. Das Auswahl-Problem läßt sich gut an der hitzig geführten Debatte über die Rolle der Ratingagenturen in der Finanzkrise ablesen. Hier ging es zentral um die Frage, wer Daten über wen erhebt und zur Grundlage der Bewertung und Verhandlung von finanziellen Risiken macht. Daran zeigte sich deutlich, dass Daten nichts objektiv Vorhandenes sind und es deshalb etwas ausmacht, wer sie erhebt: die Abwertung der Kreditwürdigkeit europäischer Staaten in der Finanzkrise durch die maßgebenden drei Ratingagenturen, die alle in den USA ansässig sind, wurde und wird von vielen Europäern nicht als finanzwissenschaftliche Aussage gesehen, sondern als finanzpolitische Einmischung.

Neben der geänderten erkenntnistheoretischen Ausgangslage ist für eine Aktualisierung des neurath’schen Ansatzes auch die historische Änderung der gesellschaftlich-sozialen Verhältnisse entscheidend. Den Hintergrund seines aufklärerischen Anliegens der Demokratisierung des Wissens und der Emanzipation der  Arbeiterklasse bildete eine marxistische Analyse10 von Nationalstaaten in der entwickelten kapitalistischen Industriegesellschaft. Dieses Gesellschaftsmodell können wir heute in den Verhältnissen der Informationsgesellschaft und des globalen Präkariats11 nicht 1:1 übernehmen. So wie die Dinge sich entwickeln, scheint es angebracht, ein wachsames Auge auf die Abhängigkeiten zu haben, die sich in der digitalen Vernetzung ergeben. Die Fragen nach der Datensouveränität im Netz von Facebook und die Internet-shoutdowns in Ägypten, Burma und Tibet in revolutionären Zeiten mögen hierfür als Beispiel dienen. Ein kritisches Informationsdesign in der Linie von Neurath kann daher nicht allein im Visualisieren von gegebenen Daten bestehen; wenn es etwas sichtbar machen will, muss es auch die Frage nach der Rolle von gesellschaftlichen Werten in der Datenproduktion und von  Nationalstaaten als (für Neurath noch selbstverständlichen) Bezugspunkten in der Globalisierung stellen, und Wege finden, diese sichtbar zu machen.

Seit den Anfängen der bildhaften Pädagogik, wie Neurath sie nannte, sind die bildstatistischen Methoden und Visualisierungsverfahren des Informationsdesign ihren Objekten keineswegs immer äußerlich-distanziert geblieben. Sie haben ihren Weg aus der wissenschaftlichen Weltanschauung heraus gefunden und sind auch in anderen wie z.B. der ökonomischen ansässig geworden. Besonders in den vergangenen drei Dekaden neo-liberalen Wirtschaftens haben sich immer ausgeklügeltere Verfahren der Datenvisualisierung in die Stratifizierungen des neo-liberalen Kapitalismus eingeschrieben. Genauso wie die Versuche in der Elementarteilchenphysik wären auch viele der heutigen Wirtschaftsformen ohne die technisch hoch komplexen bildgebenden Instrumente und Systeme schlicht unmöglich. Wenn aber Visualisierungen auch Instrument für andere wie zum Beispiel wirtschaftliche oder wirtschaftspolitische Interessen dienstbar gemacht werden, dann muss sich ein kritisches Informationsdesign auch damit beschäftigen, die Erkenntnisinteressen und -mechanismen hinter der Datenproduktion sichtbar zu machen. Diese Notwendigkeit zeigt sich z.B. in der für die Risikogesellschaft (Ulrich Beck) so bezeichnende Debatte um eine präventive Datenerhebung: die Vorratsdatenspeicherung.

In den beschleunigten Medien der Informationsgesellschaft mit ihren manchmal geradezu unglaublichen technischen Möglichkeiten können Informationen selbst zur Ware werden. In dieser Konstellation wird die Datenproduktion potentiell zu einem Herrschaftswissen. Den die Datenproduktion bildet die ökonomischen Ungleichheiten in der Welt nicht einfach ab, sondern sie ist aktiv an deren Produktion beteiligt. Unter dem Gesichtspunkt der sozialen Gerechtigkeit muss auch der potentiell imperialistische Zug des ‚digitalen Kolonialismus‘12 sichtbar gemacht werden, der z.B. unter dem Stichwort des digital divide und der Frage nach digital literacy thematisiert wird13. Der große Hype um Partizipation in sozialen Netzen, user generated context und der Vormarsch von proprietären apps auf Kosten offener Browserstandarts wirft auch grundsätzliche Fragen auf bezüglich der Rolle des users in der Datenproduktion.

Damit lautet eine der zentralen Fragen, die sich der Informationsgesellschaft stellen: Wer erhebt (wann) Daten von wem? Diese Frage stellte sich für Neurath vor der digitalen Informationsvernetzung noch nicht in dem Maße, wie heute für uns. Er war damit beschäftigt, zuerst einmal eine bildhafte Pädagogik zu etablieren, und es wäre nicht statthaft, ihm vorzuwerfen, er hätte den kommenden dialektischen Rückschlag im emanzipatorischen Anspruch des Informationsdesigns nicht gesehen.

Daten | Empirie

Auch wenn es in den Weiten des Netzes so aussieht, als ob im Prinzip alle Daten tatsächlich vorhanden seien – man muss sie nur auswählen und richtig ordnen! –, ist das mitnichten so: Daten werden erhoben, sie werden gemacht. Sie werden produziert und sie werden konsumiert. Dieser Daten-Konsum ist es, den eine Aktualisierung von Neuraths Programm heute angreifen und sichtbar machen muss.

Was ist und welche Rolle spielt die Empirie? Neurath war Positivist in Bezug auf die logische Struktur der physis. Für ihn war nicht so sehr das Problem, wer Daten produzierte, sondern wie man den Bezug zwischen den Daten und der Empirie so darstellen konnte, das er einfach zu verstehen war. Wenn wir also davon ausgehen, dass wir in der Informationsgesellschaft unsere Aufmerksamkeit auch auf die Datenproduktion richten müssen, bekommen die Datensätze, die wir im Netz in fast unbegrenzter Zahl finden können, einen anderen — präziser: praktischen — erkenntnistheoretischen Sinn. Es interessieren nicht mehr die in erster Linie die konkreten Werte der Datensätze, sondern die Datenerhebung selbst: Wer quantifiziert was zu welcher Zeit? Wer erhebt Daten über wen? Welche Routinen und Maßstäbe verwendet er dabei?

Um diese Fragen sichtbar zu machen, müssen die Daten selbst als Empirie genommen werden. Es muss zugleich gezeigt werden, worauf sich Daten beziehen und wer sie produziert oder über sie verfügt. Die Eingangsprämisse ist also denkbar simpel: Wo immer sich Datensätze finden, dokumentiert sich ein Interesse an einem bestimmten Aspekt der Welt. Nennen wir das provisorisch digitalen Positivismus: die empirische Basis des Informationsdesign sind Daten.

Ganz im Sinne Neuraths, der uns rät, das man „den historischen Ablauf begreifen und in ihm tatenfroh wirken“14 solle, müssen wir heute – im zweiten digitalen Zeitalter – den Versuch unternehmen, die Besitz- und Interessenverhältnisse der Produktionsbedingungen – oder, wie man im Kontext von Neurath vielleicht in Marx’scher Terminologie sagen darf: der Produktionsmittel im digitalen Habitat sichtbar zu machen. Wer erhebt (wann) welche Daten über Was oder Wen? Eine aktualisierte Wiener Methode müsste einen Einstiegspunkt in diese Zusammenhänge des digitalen Positivismus bieten.

  1. Zum Sichtbar-Machen siehe Hans-Jörg Rheinberger, “Sichtbar machen. Visualisierung in den Naturwissenschaften,” in Bildtheorien, ed. Klaus Sachs-Hombach (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2009), 127–145 []
  2. Siehe Rudolf Carnap, “Die Physikalische Sprache Als Universalsprache Der Wissenschaft,” Erkenntnis 2 (32 1931/32 1931): 432–465 []
  3. Vgl. Otto Neurath, “Protokollsätze,” Erkenntnis 3 (33 1932/33 1932): 204–214 []
  4. Diesem Verifikationismus widersprach dann besonders Karl Popper in seinem Falsifikationismus. []
  5. Otto Neurath, “Die neue Zeit im Lichte der Zahlen,” Die Form 5, no. 20 (1930): 532–534, im Original kursiv. []
  6. Otto Neurath, “Die neue Zeit im Lichte der Zahlen,” Die Form 5, no. 20 (1930): 532–534 []
  7. Otto Neurath, “Das Sachbild,” Die Form 5, no. 2 (1930): 29–35 []
  8. Otto Neurath, “Das Sachbild,” Die Form 5, no. 2 (1930): 29–35 []
  9. Otto Neurath, “Die neue Zeit im Lichte der Zahlen,” Die Form 5, no. 20 (1930): 532–534, im Original kursiv. []
  10. Siehe hierzu Struan Jacobs and Karl-Heinz Otto, “Qtto Neurath: Marxist Member of the Vienna Circle,” in O. Publikation (o. Ort: o. Verlag, o. Jahr), 175–189 []
  11. Siehe Gerald Raunig, Tausend Maschinen, vol. 7, Es kommt darauf an (Wien: Tauria+Kant, 2008) []
  12. Thorsten Eßer, “Digitaler Kolonialismus,” Telepolis, April 23, 2000, http://www.heise.de/tp/artikel/8/8071/1.html []
  13. Vgl. z.B. Benjamin M. Compaine, The Digital Divide: Facing a Crisis Or Creating a Myth? (Cambridge  Mass.: MIT Press, 2001) []
  14. Otto Neurath, “Die neue Zeit im Lichte der Zahlen,” Die Form 5, no. 20 (1930): 532–534 []

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