Alphabet und Algorithmus

Juli 4, 2012

 

Mario Carpo, Alphabet und Algorithmus. Wie das Digitale die Architektur herausfordert. Bielefeld 2012: transcript.

„In diesem brillanten Essay zeigt Mario Carpo, wie die Verfahren digitaler Produktion in der Architektur ein Ideal der Moderne untergraben: die Idee der identischen Reproduktion. Denn alles, was digital ist, ist variabel und veränderbar – und steht damit in stärkstem Gegensatz zur Idee der Standardisierung, der Serialisierung und der Autorenschaft.
Carpo geht der Wirkungsmacht der Parametrisierungs- und Algorithmisierungsverfahren in all ihren theoretischen und historischen Verästelungen nach. Am Ende steht eine umgreifende Rekonzeptualisierung der Architektur, wie sie seit der Renaissance und Leon Battista Alberti nicht mehr vorgekommen ist.“ (Jörg Gleiter)

Eine Leseprobe gibt es auf der Seite des Transcript-Verlages: www.transcript-verlag.de/ts1355/ts1355.php

 

 

 

 

 

 

Zusammen mit Jörg Gleiter habe ich Mario Carpo’s The Alphabet and the Algorithm ins Deutsche übersetzt. In diesem Buch konstatiert Carpo aus medienhistorischer Perspektive einen Paradigmenwechsel der Architektur: nach dem Albertianischen Paradigma der kategorischen Trennung zwischen Entwurf und Umsetzung werden im dämmernden digitalen Habitat nun wieder Praktiken zentral, in denen Entwurf und Produktion technisch verschränkt sind. Wieder — denn Carpo sieht hier eine Rückkehr zu präalbertianischen Mustern, die er besonders mit dem Namen Brunelleschi belegt und entwickelt. Mit Hilfe der Unterscheidung zwischen autographischer und allographischer Notationstechniken und -medien von Nelson Goodman1 konstruiert er einen historischen Bruch zwischen Brunelleschi und Alberti. In Carpos Geschichte ermöglichen die neu errungenen Methoden der darstellenden Geometrie es Alberti, die Baustelle hinter sich zu lassen, und sich ‚ganz‘ dem Entwurf zu widmen. Durch die Neu-Formalisierung der Geometrie wurde es möglich, Zeichnungen und Pläne von Architektur identisch zu reproduzieren. Architektur kann ‚identisch‘ in Pläne ‚übersetzt‘ und rückübersetzt werden. Hierauf konzentrierten sich die Medieningenieure in der Renaissance in Carpos Geschichte. Heute — im zweiten digitalen Zeitalter — sieht Carpo das Pendel wieder zurück in die andere Richtung schwingen: durch die Sozialisierung der digitalen Medien arbeiten Entwerfer und Produzenten wieder enger zusammen. Er endet mit einer optimistischen Perspektive; die Architekten werden sich im digitalen Habitat emanzipieren; oder zumindest haben sie alle Chancen dazu.

Aber hier endet Carpo; hier müssen wir selber weiterdenken, ob wir diese historische Analyse und ihre Bewertung teilen, oder ob die Umwälzungen, die das digitale Habitat zweifellos für uns alle zeitigen wird, anders zu beschreiben und zu bewerten sind. Und die eine Perspektive, die hierfür unbedingt nötig wäre, ist die der politischen Ökonomie und der Ethik.

 

  1. Siehe Goodman, Nelson. Languages of Art: An Approach to a Theory of Symbols. Hackett Publishing, 1976 []

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